Fokus: Der Islam gegen den Rest der Welt
Juli 1 2006 Categorized Under: Fokus, TrendFokus No Commented
Der Islam gegen den Rest der Welt – ?
Emotionslos und ohne Eigenlobstreben sei zitiert, was schon 1990 – also vor 16 Jahren – ab Seite 236 in meinem Buch ‘Mega- und Metrends in das 21. Jahrhundert’ steht:
“Das entscheidende Streitpotenzial der nächsten Jahrzehnte liegt im Morgenland. Festhalten an Ideologien auch im Zusammenhang mit religiösem Fundamentalismus und Stagnation in Wissenschaft, Technik, Wirtschaft sowie bei Arbeitseifer und Realitätssinn der Menschen können sogar überregionale Konflikte auslösen. Nach dem Motto: Der Islam gegen den Rest der Welt. Kriegerische Auseinandersetzungen halte ich für sehr wahrscheinlich.”
Und was sagen Politiker zu diesem Thema?
Russlands Präsident Putin in seiner Rede vor dem Bundestag im September 2001: “In diesem Zusammenhang kann ich die Katastrophe, die am 11. September in den Vereinigten Staaten geschehen ist, nicht unerwähnt lassen. Ich finde, dass wir alle daran schuldig sind, vor allem wir, die Politiker. Wir leben weiterhin im alten Wertesystem.”
In den Beziehungen anderer Kulturen und Religionen zum Islam ist demnach wichtig, den Menschen im Nahen und Mittleren Osten neue positive Werte und das Gefühl befriedigender Zugehörigkeit zur gesamten Völkerfamilie zu vermitteln.
Veränderungen im Nahen Osten
Der Finne Hannu Takkula, Mitglied des europäischen Parlaments, meint im Herbst 2005 im Rahmen einer Vortragsreihe in Wien, der Nahe Osten habe in letzter Zeit einige besondere Veränderungen erfahren:
“Ein von einer Gruppe führender arabischer Gelehrter und Intellektueller veröffentlichter UNDP-Bericht kam einem ideologischen Erdbeben gleich, welches die arabische Gesellschaft erschütterte und die traditionellen Denkschulen aufrüttelte.
Der Puls der arabischen Welt hat sich seither verändert. Die Stimmen in der arabischen Straße singen von neuen Ideen. Die Region dürstet nach einem demokratischen Wechsel. Und oft muss ein Staatsführer im Nahen Osten zunehmend schnellere Schritte machen, um den Schritten seines Volkes ebenso wie dessen Forderungen zu folgen.
Was hat sich seither geändert? Der politische Zug bewegt sich durch eine Landschaft von Reformen. Zum Beispiel spielten 2005 Frauen eine bedeutende Rolle bei den allerersten demokratischen Wahlen, die in Palästina und im Irak durchgeführt wurden.
Neulich reformierte Ägypten seine Präsidentschaftswahlen, um neue Kandidaten einzuschließen. Die oppositionelle Bewegung ‘Kifaya’ schreit in den Straßen von Kairo ‘genug!’.
Pazifistische Proteste im Libanon, die wir in Europa ‘die orange Revolution des Nahen Ostens’ nennen, überwältigten die fremde Besetzung durch syrische Truppen.
Parlamentswahlen mit weiblichen Stimmen und Kandidatinnen wurden in Oman abgehalten.
Kuwait hat Frauen das Wahlrecht und das Recht zu kandidieren zuerkannt, nachdem Protestierende in den Straßen zu Gunsten der Frauenrechte demonstriert hatten.
Solche Entwicklungen sind einfach bemerkenswert in einem so kurzen Zeitraum.
Die EU beobachtet die Entwicklungen in der Region sorgfältig, bevor sie einen großen Schritt in eine Richtung macht. Ich würde sagen, dass die Europäische Union gerade jetzt in einer ‘bescheidenen, zuhörenden’ Phase ist.”
Kontakt zwischen Abendland und Orient
Im Altertum – also von etwa 1600 bis 400 vor unserer Zeitrechnung – gab es keinen Gegensatz zwischen Abendland und Orient. “Die europäische Kultur ist damals nicht in der Isolation entstanden, sondern in regem Austausch mit den Zivilisationen des Vorderen Orients”, weiß Hartmut Matthäus, Erlanger Uni-Professor für klassische Archäologie.
Da gab es keinen ‘Kampf der Kulturen’, Orient gegen Abendland, Christen gegen Moslems, und alle gegen die Juden. Lange bevor es diese Religionen überhaupt gab, kannte man solche Konfliktfelder (noch) nicht, üblich war vielmehr ein lebhafter kultureller Austausch zwischen den Völkern in einem großen Umkreis um das Mittelmeer.
Walter Laqueur, Historiker und Terrorismusexperte, schreibt in der WELT, dass aktuell z. B. die iranischen Hegemoniebestrebungen von allen Nachbarn mit Besorgnis verfolgt werden. Die Gebildeten und die Mittelschicht in der Region – so weit nicht ausgewandert – sind der islamistischen Begeisterung vergangener Jahre entfremdet. Andere – vor allem auch dörfliche – Bevölkerungsschichten seien keine genügende Stütze für Regimes der Mullahs. “Diese innere Auflösung geht weiter, und bis zu einem gewissen Punkte kann sie von außen gefördert werden, wovor besonders die Machthaber in Teheran größere Angst haben als vor anderen Drohkulissen”, meint Laqueur.
Das wohl organisierte ‘Wir-gegen-den-Rest-der-Welt-Gefühl’ und die Aggressionen in der islamischen Welt sind mit der Lehre des Stifters des Islam kaum zu vereinen, wie man im Koran liest: “Die Feindseligkeit eines Volkes soll euch nicht verleiten, anders denn gerecht zu handeln”, steht in Sure 5, Vers 9.
Fazit
Wahrscheinlichkeiten künftiger Entwicklungen auf einer Skala von 10 sehr gering / sehr schwach bis 90 sehr groß / sehr stark:
50 . Gefahrenpotenzial durch Aggressionen radikaler Muslime in Europa
60 . Gefahrenpotenzial durch terroristische Anschläge in Europa
70 . Beilegung des Karikaturenstreits
75 . Wirtschaftsbeziehungen Europas zum Nahen und Mittleren Osten
80 . Investitionen arabischer in westlichen Ländern
Die Wahrscheinlichkeit von Aggressionen Radikaler erreicht einen Mittelwert, während das Gefahrenpotenzial terroristischer Anschläge schon höher einzustufen ist. Der Karikaturenstreit – nach dem Abdruck in ‘Jyland Posten’ und anderen Medien – hat sich weitgehend beruhigt. Europas Wirtschaftsbeziehungen zum Nahen und Mittleren Osten entwickeln sich positiv. Deutschlands Exporte in diese Länder erhöhten sich 2005 beispielsweise im zweistelligen Prozentbereich. Auf der anderen Seite investieren arabische Länder verstärkt im europäischen Wirtschaftsraum.
Wenn es in den Beziehungen anderer Kulturen und Religionen zum Islam gelingt, den Menschen im Nahen und Mittleren Osten neue positive Werte und das Gefühl befriedigender Zugehörigkeit zu vermitteln, und wenn – wie Hannu Takkula es beschreibt – ein demokratischer Wechsel kommt, gibt es in absehbarer Zeit keine Gegensätze mehr zwischen Abendland und Orient.

