Leben: Ausgezeichnet – Das Leben der Anderen
April 2 2007 Categorized Under: Leben, TrendFokus No Commented
Ausgezeichnet – Das Leben der Anderen.
Gesellschaftsthemen bestimmten die Oscar-Verleihung im Februar 2007.
‘Das Leben der Anderen’: Nicht von Ostalgie, sondern von der Verlorenheit des Individuums im totalitären (Gesellschafts)-System erzählt das sauber recherchierte Drama von Florian Henckel von Donnersmarck. Es ist ein Blick zurück auf die Wirklichkeit der Gesellschaft in der ehemaligen DDR.
‘Departed – Unter Feinden’: Reinrassiger Thriller von Altmeister Martin Scorsese, der als bester Film des (Oscar)-Jahres Publikum und Kritik begeistert. Martin Scorsese bewegt sich damit in dem Genre, das immer noch den Kern der ‘Marke Scorsese’ ausmacht: harter Thriller mit gesellschaftlichem Tiefgang.
‘Eine unbequeme Wahrheit’: Al Gore, ehemaliger Vizepräsident der USA und prominentester Umweltschützer der Vereinigten Staaten, hat dem wenig glamourösen Thema über die Gefahren der Umweltverschmutzung riesige Aufmerksamkeit verschafft. Der Oscar für seine Dokumentation über den Klimawandel kam nach Meinung der US-Medien zur rechten Zeit, und das sei kein Zufall.
‘Die Flucht’: Noch nicht ausgezeichnet. Der Film mit handfestem historischen Hintergrund zeigt, wie im letzten Kriegswinter 1944/45 Millionen Menschen von Ost nach West flohen. Historiker schätzen, dass 12 bis 14 Millionen auf der Flucht waren oder vertrieben wurden. (Zum Vergleich: der Freistaat Bayern hat 2007 12,3 Mio. Einwohner). Erst 62 Jahre nach Kriegsende wagen Filmer und öffentlich-rechtliches Fernsehen, die Opferrolle auch der deutschen Zivilbevölkerung zu thematisieren und im Rahmen der damaligen gesellschaftlichen Regeln zu zeigen.
Bestimmen also Gesellschaftsthemen die Zukunft immer mehr? Ja.
Annahmen der Bedeutung gesellschaftlicher Themen in den kommenden Jahren auf einer Skala von 10 sehr gering bis 90 sehr stark:
60 . 2008
70 . 2013
75 . 2018
2007: Umfragen zeigen, dass immerhin sechzig Prozent der Deutschen meinen, gesellschaftliche Beachtung und Aufschwung gehen an ihnen vorbei. Oben auf der (Wunsch)-Liste stehen Kinderkripppen, Arbeit, Mindestlohn, Rente, Freizeit, Urlaub, Rauchverbot, Gesundheit.
Wichtig: Sommer- und Wintermärchen der Fußball- und Handball-WM.
Den Menschen geht’s so gut wie noch nie. Aber sie sind kaum zufrieden. Das dritte Reich, Krieg und Nachkriegszeit, Hunger, Flucht und Vertreibung, die Stasi und die RAF sind vor allem für die Kinder und Kindeskinder der Kriegsgeneration und der ’1968er Spätlese’ böhmische Dörfer.
“Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel”, sagte Konfuzius. Seine Lehren prägen bis heute nicht nur Asien. Noch stolpern die Leute über kleine Hügel. Mehr und mehr aber machen sich die Menschen auf, Berge zu besteigen. Der weiträumige Ausblick von deren Gipfeln wird künftig die Entwicklungen in der Gesellschaft beeinflussen.
Eine menschlich, kulturell, sozial, spirituell wie auch materiell sehr viel reichere Welt ist möglich… Je sinnerfüllter, motivierter, neugieriger und offener der Mensch wird, desto mehr erweitert er seine Möglichkeiten… Das meint Peter Spiegel in einem Essay bei www.changeX.de/d_a02571.html.
Der österreichische Zukunftsforscher Robert Jungk (1913-94) sah das so: “Gesellschaftliche Veränderung fängt immer mit Außenseitern an, die spüren, was notwendig ist.”
Sascha Lehnartz Anfang März 2007 in der FAZ: “Ein Adliger holt den Oscar, Jan Ullrich redet wirres Zeug, und Christian Klar wettert gegen das Kapital. Auf den ersten Blick hat dies nicht viel miteinander zu tun. Und doch erzählen all diese Geschichten auf ihre eigene Art etwas über uns Deutsche.”
Sind das die ‘Außenseiter’, die einen gesellschaftlichen Wandel anstoßen?

