Politik: Verblüffend
Mai 1 2009 Categorized Under: Politik, TrendFokus No Commented
Situation
Freiburg im Breisgau im Jahre 2200. Die Polkappen sind abgeschmolzen. Palmen wachsen bei Köln. Die Winter sind schneelos. Deutschland ist ein subtropisches Urlaubs-paradies.
Hunderte von Kilometern mehr Küste laden zum Bade. Die Nordsee hat das Land- völlig verändert. Die nord-deutsche Tiefebene ist überflutet. Die Mittelgebirge sind Inseln. Der Rheingraben ist bis Freiburg vollgelaufen.
Leopold (Poldi) Wiener, seine Frau Marika, Butzi Hesse und Linus Römer sitzen beim Viertele Weißherbst. Die Hitze flirrt selbst noch am Abend. Keine Abkühlung in Sicht, obwohl immer wieder Gewitter-stürme die Oliven- und Palmenhaine am Rosskopf peitschen.
Hintergrund
“Vor 229 Jahren, im Oktober 1971″, doziert Poldi über seinem Glas, “beschließt hier auf ihrem 22. Parteitag die FDP – eine politische Partei von damals – ihr Programm zur Gesellschaftspolitik.”
“Aha”, meint Linus, “und wie ist das Ziel definiert, was sind die Resultate?”
Butzi erklärt die Auskunft vom ComTel-Display: “Das Programm soll eine Symbiose zwischen traditionellem Liberalismus auf der einen und den Anforderungen der zu jener Zeit modernen Industriegesellschaft auf der anderen Seite sein. Diese sogen. ‘Freiburger Thesen’ öffnen die Partei nach links.”
“Und schon 20 Jahre später ist links kein Thema mehr”, murmelt Linus, “weil die Weltmacht Sowjetunion versinkt und der Sozialismus stirbt. Prost…”
Die vier leeren ihre Gläser, schenken nach und Marika meint: “Die Leute jener Zeit aber bezeichnen mit links und rechts noch politische Einstellungen und Strömungen. So ganz klar scheint denen das jedoch auch nicht immer – oder?”
“Links”, tut Butzi wichtig, “das sind in jenen verflossenen Tagen Menschen, die in einem als Parteibuch bezeichneten kleinen Heft den Stempel Kommunist/In, Sozialdemokrat/In, Sozialist/In oder Links-Radikaler/In tragen bzw. alle paar Jahre auf einem Wahlschein in vorgedruckte Ringelchen ihre Kreuzchen machen. Rechts kreuzt demokratischer oder sozialer Christ/In, Konservativer/In, Bürgerlicher/In und Rechts-Radikaler/In.”
“Ja, ja”, jetzt Poldi, “vor 229 Jahren öffnet sich die FDP zwar nach links, aus heutiger Sicht ist das jedoch nicht eindeutig und auch nicht rechts…”
“Und die Farbsymbolik von vor 200 Jahren ist in diesem Zusammenhang noch schwerer zu verstehen. Die Leute reden über rot-gelb-grüne Ampelkoalititonen…” gibt Linus zum Besten.
Butzi ganz ernst: “Die Ampel – zu lateinisch ampulla – ist ein Ölgefäß, eine schalenförmige, kleinere Hängelampe. Oft steht das Wort Ampel jedoch auch für eine ferngesteuerte elektrische Anlage mit verschiedenfarbigen Leuchten oder Feldern, die zur Verkehrsregelung dient. Koalititon – zu lateinisch coalescere ‘zusammenwachsen’ – ist die Bezeichnung für ein zweckgerichtetes, befristetes oder unbefristetes Bündnis unabhängiger Partner.”
“Was schließen wir daraus?” sinniert Poldi und folgert messerscharf: “Ende des 20. Jahrhunderts entstehen wegen besonderer politisch-sozialer Verhältnisse und Krisen-situationen Bündnisse zur Verkehrsregelung mit Öl und kleinen Hängern.”
Pause. Erstaunte Gesichter.
Marika maliziös: “So ein Quatsch! Nichts hatten die geregelt. Schon garnicht beim Verkehr. Und anstatt für Verkehr zu sorgen, tritt der dafür zuständige Minister wegen seiner Putzfrau zurück. Partei-vorstände, andere Minister, sogar Länderchefs und Gewerkschaftsbosse eifern ihm nach. Ganz ohne Öl und Hänger aber im Filz.”
“Logisch”, mischt Butzi sich ein, “Filz hat ja auch mit einem Bündnis zu tun. Mein ComTel sagt, dass Filz ein Faser-verband aus losen, nicht gesponnenen Haaren oder Wollen ist, die zusammengepresst oder gewalkt werden. Minister, Präsidenten und andere Bosse mit Filz müssen ja zurück-treten. Wer will schon zusammengepresst und gewalkt werden…?”
Mit Bedacht stellt Poldi fest: “Wir sprechen über Richtungen, Rücktritt und Filz. Um den Jahrtausendwechsel hören wir aber immer wieder, dass Politik die Menschen verdrießt.”
“Verständlich”, sagt Linus, “weil Politik Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts als Kampf verstanden wird. Beispiel: Nach seinem Rücktritt 2009 als Bundeswirtschaftsminister rechnet Michael Glos mit dem Parteichef Seehofer ab und äußert sich kritisch über den Kurs der Partei. Und so beklagt auch der CSU-Mann Peter Gauweiler ‘Duckmäusertum der Abgeordneten’ und sagt: “Manchmal haben wir vor Feigheit gestunken.” Er fordert einen Umbau des Parlamentarismus, weil es an innerparteilicher Demokratie mangele.
In der Antike und im Mittelalter ist Politik die Lehre von der rechten Ordnung des Gemeinschaftslebens. Macchiavelli hat daraus später eine Machttechnik für Fürsten und sonstige Regenten gemacht. Als es im Industrie- und beginnenden Informationszeitalter Königinnen und Könige nur noch in wenigen Ländern gibt, ist zentrales Thema der Politik das Freund-Feind-Verhältnis.”
Ausblick
“Richtig, mein Freund”, stimmt Marika zu, “und das verdrießt die Menschen, die zu der Zeit auch Wähler heißen, gewaltig. Das Bewusstsein der Leute ist nämlich komplexer als ihre aktuelle Realität. Deshalb laufen den Parteien die Wähler und den Gewerkschaften die Mitglieder weg.”
“Ein Glück”, freut sich Butzi, “dass wir keine Politik mehr brauchen. Uns kann nichts verdrießen…”
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